Golf ist ein Nacktsport - kajabredemeyer.de
16947
post-template-default,single,single-post,postid-16947,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode-theme-ver-13.0,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.4,vc_responsive

Golf ist ein Nacktsport

Vor fast 19 Jahren begann ich Golf zu spielen. Zuerst war es eher ein Notnagel für mich, da ich aufgrund einer Verletzung nie wieder Volleyball spielen durfte. Aber so ganz ohne Bewegung kommt eine Profisportlerin halt nicht aus. Jetzt wurde im Hause Bredemeyer also geschwungen statt geschmettert. Obwohl ich anfangs dem zu klein geratenen Bällchen keinen großen Enthusiasmus entgegenbringen konnte, wurde Golf im Laufe der nächsten Jahre tatsächlich meine nächste große sportliche Leidenschaft.

Mein Erleben dieser beiden Sportarten ist allerdings ein sehr unterschiedliches. Während ich beim Volleyball Teil eines Teams war, das die Siege, die Niederlagen und auch die Fehler gemeinsam getragen hat, fiel und fällt beim Golf alles auf mich selbst zurück. Eine kleine Abweichung meiner Schwungbahn? Der Golfball verschwindet im Abseits und keine Mannschaftskollegin weit und breit, die ihn wieder korrigiert ins Spiel zurückbringen kann. Einmal unkonzentriert? Niemand, der dich wieder in den Fokus bringt. Unmotiviert? Kein Teamgeist der dich wieder inspiriert. Das war erstmal etwas ernüchternd für mich. Und ein bisschen einsam.

Irgendwann fing ich jedoch an, mich selbst zu beobachten und intensiv wahrzunehmen – gerade in den typischen golferischen Krisensituationen einer Anfängerin. Und plötzlich fand ich es extrem spannend zu bemerken, wie ich mich verhielt und warum. Welche Glaubenssätze mich im Spiel gefangen hielten, welche mich erlösten und wo jeweils mein Fokus lag, wenn ich schlecht spielte und wenn ich gut spielte. Im Laufe der Zeit konnte ich meine Verhaltensweisen sehr klar analysieren und sogar Rückschlüsse auf meine anderen Lebensbereiche wie Partnerschaft, beruflichen Erfolg etc. schließen. Nicht immer sofort, manchmal dauerte es Tage oder Wochen, aber die Aha-Erlebnisse stapelten sich geradezu. Was für eine Bereicherung. Gut, natürlich geht es immer auch ums Üben, Üben und noch mal Üben, aber es wurde für mich zusehends klarer, dass meine innere Haltung ausschlaggebend für das Ergebnis war und ist.

Das beste Golf spiele ich, wenn ich einfach nur Spaß an der Bewegung habe, mich keine Alltagssorgen dominieren und ich mich frei und leicht fühlte. Am besten funktioniert das, wenn ich mich ganz bewusst auf das Hier und Jetzt fokussiere. Keine Gedanken an die fehlenden Belege der Steuererklärung, den erwarteten Rückruf der Kundin oder die Einkaufsliste für den Chill-Abend mit Freunden. Keine Gedanken an mein Gestern oder mein Morgen. Nur der Ball und sein angestrebtes Ziel, die Visualisierung der Flugbahn und des Landeplatzes vom Ball, das Vertrauen in mich und meinen perfekten Schwung – und los!

Nachdem ich während meiner ersten Golfjahre eher mit mir und meinem Spiel beschäftigt war, machte es mir irgendwann Freude, im Fight auch meine Mitspieler aus der Coaching-Brille zu beobachten. Denn siehe da, alle anderen hatten letztendlich auch nur einen Gegner oder einen Verbündeten beim Spiel: sich selbst. Das Spannendste ist, hier gibt es kein Verstecken. Für keinen von uns. Hier macht sich jeder praktisch nackig. Jeder ist ganz allein mit sich in Kontakt oder auch nicht. Kämpft gegen etwas an oder verbündet sich mit sich selbst. Emotionensexplosionen in allen Ausrichtungen, Wut, Resignation, Genugtuung, Freudentaumel, Fassungslosigkeit, Gelassenheit u.v.m. Kaum ein Krimi ist spannender als zu sehen, wie wir Golfer mit Herausforderungen umgehen, welche Gedanken wir uns machen und uns wieder auf die Spur bringen. Wie sich plötzlich die Körperhaltung verändert, sobald wir was geschnallt haben, und sich ein Spiel von einer Minute auf die andere verändert, ohne jeden erkennbaren äußeren Einfluss.

Um es kurz zu machen: Irgendwann war das Golfspiel für mich zu einer psychologischen und spirituellen Sprache des Unterbewusstseins geworden und ich die Dolmetscherin. Mein professioneller Hintergrund, meine Beobachtungsgabe und meine golferischen Fähigkeiten bündelten sich zu meinem heutigen Business. Die Sprache des Golfs ist für mich so viel deutlicher als jede andere Form der Beratung im Hinblick auf berufliche oder persönliche Herausforderungen. Nie konnte ich eine so hohe Dichte an Aha-Erlebnissen für meine Kunden generieren wie auf dem Green. Und zwar sowohl für Golfer als auch für Nicht-Golfer. Das folgende Zitat spricht mir entsprechend aus der Seele:

 „Achtzehn Golflöcher werden Ihnen über den Mitspieler mehr sagen als neunzehn gemeinsame Jahre am Schreibtisch.“
Grantland Rice (Journalist)